Vollzeitjob mit 74 Jahren: Jeder vierte Münchner Rentner lebt in Armut No ratings yet.

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Carin Modeo ist im Ruhestand und kann sich nicht zur Ruhe setzen. Wenn sie ihre Miete gezahlt hat, bleiben von ihrer Rente noch 130 Euro zum Leben übrig.

München – 130 Euro zum Leben. Genug für etwa einen Wocheneinkauf und einen Friseurbesuch. Oder eine Monatsfahrkarte und ein Paar Schuhe. So viel bleibt der 74-jährigen Frau jeden Monat übrig. „Ich habe gearbeitet, seitdem ich 18 bin“, sagt Carin. „47 Jahre bis zur Rente – und was habe ich jetzt davon?“ Genau 782 Euro im Monat. Um zu überleben, arbeitet sie als Bäckereiverkäuferin.

Jeden Morgen um halb fünf klingelt ihr Wecker. Gut eine Stunde später steht sie in der Bäckerei. Carin backt zuerst Brezn und Laugenstangen auf, platziert sie dann sorgfältig mit Broten und Süßgebäck in die Theke. Dann geht die Arbeit erst richtig los: das Verkaufen. Carin steht den ganzen Tag. Manchmal putzt sie danach noch den Laden. Erst zu Hause kann sie sich ausruhen. So wie es andere Rentner tagsüber tun.

„35 Jahre habe ich gearbeitet – jetzt bekomme ich eine Rente von 740 Euro. Ich denke, dass ich mehr verdiene. Wenn ich keine eigene Wohnung auf dem Land hätte… Davon könnte ich nie im Leben meine Miete bezahlen. Jetzt arbeite ich ab und zu in dem Pausenkiosk einer Cateringfirma. Damit ich in den Urlaub fahren und sorgenfrei im Biergarten essen kann.“ Herta Wagner (68), Rentnerin
„Ich bin noch ziemlich fit“, sagt Carin. „Trotzdem hätte ich mir mein Leben ab der Rente anders vorgestellt.“ Sie hatte in ihrem Leben viele Jobs: Reiseassistentin, Kontoristin, Sachbearbeiterin, Köchin und Kellnerin. Und immer hat sie in die Rentenkasse eingezahlt. Nicht genug, wie sich jetzt zeigt.

„Ich arbeite gerne und schnell“

„Ich bin froh, dass mich mein Chef noch arbeiten lässt“, sagt sie. „Und ich arbeite gerne und schnell. Ich bin viel effektiver als die meisten Jugendlichen. Die haben oft eine ganz andere Motivation.“ Trotzdem raubt ihr der Job Kraft: „In der letzten Stunde vor Ladenschluss ist das Brot billiger – dann ist die Hölle los! Es ist ein Knochenjob. Gegen Abend sind meine Beine sehr angeschwollen.“

„Ich habe 45 Jahre lang als ­Physiotherapeutin gearbeitet – und tue das auch heute noch, obwohl ich seit einem Jahr schon in Rente bin. Man kann zwar mit der Rente auskommen, aber ein Auto und Wochenendausflüge würden ohne meinen ­Mini-Job wegfallen. Ich habe wirklich Glück, dass mir mein Job Spaß macht…“ – Doris Groß (64), Rentnerin

Woher nimmt die Seniorin die ganze Energie? „Aus einer kleinen Flasche Cola am Tag“, sagt sie und lacht. Dann wird sie wieder ernst: „Es ist die Gewohnheit. Ich muss jeden Tag viel stehen. Daran gewöhnt man sich. In der U-Bahn setze ich mich deshalb auch nie hin. Entspannung gibt’s erst zu Hause, wenn ich die Füße hochlegen kann.“

Solange sie noch fit ist, will Carin Modeo kein Sozialfall werden. „Ich arbeite auch gerne, vor allem weil mein Arbeitgeber so gutherzig ist.“ Dennoch würde sie gerne mehr zur Ruhe kommen. „Ich liebe die Oper. Aber mir fehlt nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit dafür.“ Ihr größter Wunsch ist das Reisen. „Gestern erst habe ich eine Sendung im TV gesehen: ,Mit 80 Jahren um die Welt’ – ich will das auch!“ Was ihr bleibt, sind die kleinen Freuden des Lebens: „Nach einem anstrengenden Tag lese ich ein Buch auf meinem schönen Balkon.“

Quelle : https://www.tz.de/muenchen/stadt/muenchen-ort29098/vollzeitjob-mit-74-jahren-jeder-vierte-muenchner-rentner-lebt-in-armut-10068724.html

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