Steinreiche Könige, aufgeklärte Philosophen und wagemutige Entdecker gab es in Afrika schon lange vor Krösus, Kant und Kolumbus. Dass du davon nichts weißt, hat seine Gründe.

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Es war einmal ein Mann, der soll der reichste Mensch gewesen sein, den die Welt jemals gesehen hat. Wenn du ihn dir vorstellst, was siehst du? Einen jung gebliebenen Start-up-Gründer, lässig in Jeans und Sneaker? Einen Industriebaron oder Aristokraten aus dem 19. Jahrhundert? Einen Kaiser oder Sultan, vielleicht sogar den sagenumwobenen König Krösus?

Die wenigsten würden wohl den Namen Musa I. raten, den Mansa von Mali. Wie groß das Vermögen des westafrikanischen Herrschers aus dem 14. Jahrhundert genau war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aber vieles spricht dafür, dass Musas Reichtum bis heute nicht übertroffen wurde.

Der Reichtum Mansa Musas

Schon vor der Thronbesteigung durch Musa I. kontrollierte das Malireich einen erheblichen Anteil der weltweiten Goldförderung. Die Goldfelder von Bambuk und Bure produzierten etwa 250–500 Tonnen Gold im Jahr, heute ein Wert von bis zu 33,4 Milliarden Euro. Auch der Handel mit Salz und Sklaven trug zum Reichtum des Malireichs bei. Musa I. unternahm im Jahr 1324 eine Pilgerreise nach Mekka mit einer Reisegesellschaft von 60.000 Menschen. Während seiner Passage entlang der Mittelmeerküste verschenkte er so viel Gold, dass er den Mittelmeerraum in eine mehrjährige Inflation gestürzt haben soll.

Mit großer Sicherheit kann man sagen, dass Musa I. eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit und der Menschheitsgeschichte gewesen sein muss. Sein Reich war 3-mal so groß wie Frankreich, die von ihm gegründeten Universitäten und Gotteshäuser sind teilweise bis heute in Benutzung und die von ihm geförderten islamischen Gelehrten haben die Religion nachhaltig geprägt. Trotzdem sucht man Musas Namen auch in deutschen Geschichtsbüchern heute vergeblich. Warum?

Gezielter Geschichtsimperialismus

Dass sich Mansa Musas Bekanntheit mit der von König Krösus heutzutage nicht messen kann, ist weder Einzelfall noch Zufall. »Geschichte wird von den Siegern geschrieben«, so der britische Offizier und Premierminister Winston Churchill. Unser heutiges Geschichtsverständnis wurde gezielt entwickelt, um Kolonialismus und Sklavenhandel zu rechtfertigen. Afrikas Geschichte wurde reduziert, verfälscht und angeeignet, um die Dominanz Europas über Afrika zu ermöglichen.

So war Musa I. seinen europäischen Zeitgenossen durchaus ein Begriff. Er wird etwa auf dem Katalanischen Weltatlas, einem Meisterwerk der mittelalterlichen Kartographie, das ca. im Jahr 1375 für den französischen König Karl V. hergestellt wurde, prominent dargestellt und beschrieben.

Daouda Keïta und Salia Malé vom malischen Nationalmuseum in Bamako – Quelle: Peter Dörrie copyright

»Die ersten europäischen Kontakte mit Subsahara-Afrika waren noch von der Suche nach neuen Möglichkeiten geprägt«, erklärt Daouda Keïta, Direktor des malischen Nationalmuseums, bei einem Interview in der malischen Hauptstadt Bamako. Händler aus Portugal und anderen Ländern erkundeten die afrikanische Küste auf der Suche nach Handelspartnern und begegneten den lokalen Herrschern anfangs so, wie sie sich auch an den Höfen europäischer Könige verhalten hätten. Die Könige der afrikanischen Reiche Jolof, Kongo und Mutapa bekamen durch die Könige Portugals etwa eigene Wappen zuerkannt.

Erst die Notwendigkeit, Unterdrückung, Ausbeutung und Sklavenhandel zu rechtfertigen, veränderte die europäische Perspektive auf den Nachbarkontinent.

»Das koloniale Projekt hat ein wenig positives Bild von Afrika produziert«, sagt Salia Malé, Leiter für Forschung des malischen Nationalmuseums. »Das Projekt der Sklaverei und der Kolonialisierung haben im kollektiven Bewusstsein des Westens ein Bild von Afrikanern geschaffen, das die Beziehungen immer noch beeinflusst.«

Sein Chef, Daouda Keïta, stimmt ihm zu: »Die Geschichtsschreibung wird von westlichen Quellen und Interpretationen dominiert. Und die sind entstanden, um die angeblich ›zivilisierende‹ Herrschaft europäischer Missionare und Kolonialverwalter zu rechtfertigen.«

Die afrikanische Entdeckung Amerikas?

Sind die Afrikaner Christoph Kolumbus bei der »Entdeckung« Amerikas zuvorgekommen? Mansa Abubakari II., der direkte Vorgänger Mansa Musas I., war besessen von der Idee, dass jenseits des Atlantiks Land zu finden sei. Eine von Abubakari II. entsandte Expedition mit 200 Schiffen scheiterte, nur ein einziges kehrte zurück. Abubakari II. ließ daraufhin eine zweite Expedition ausrüsten, die er selbst anführte. Auch diese Expedition verscholl. Ob Abubakari II. Amerika erreicht hat, ist nicht überliefert.

Afrika vor der Kolonialisierung ab dem 17. Jahrhundert als einen »unzivilisierten« Kontinent zu beschreiben und die Europäer als Heilsbringer, das passiert auch heute noch in Deutschland. Von Experten, die es eigentlich besser wissen sollten.

Schlimm waren die Sklaventransporte nach Nordamerika. Auf der anderen Seite hat die Kolonialzeit dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen.–Günter Nooke, Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin

Schlimmer noch: Dank Jahrhunderten kolonialer Indoktrinierung und an europäischen Vorbildern orientierten Bildungssystemen ist auch vielen Afrikanern ihre eigene Geschichte kaum bewusst. »Alle Gesellschaften benötigen Mythen, um ihre Entwicklung und die Art und Weise zu rechtfertigen, auf die sie sich ihre Zukunft aneignen«, schreibt der senegalesische Autor und Ökonom Felwine Sarr in »Afrotopia«. In diesem Sinne bestimmt unser aller Verständnis der Geschichte Afrikas auch die Zukunft des Kontinents. Höchste Zeit also für 3 neue Perspektiven:

1. Die Geschichte Afrikas beginnt nicht mit der Ankunft der Europäer

Kern des kolonialen Mythos war es, dass »Entwicklung« nur unter der führenden Hand weißer Christen möglich war. Afrikaner wurden vielfach als »Wilde« dargestellt, als Wesen, deren Gesellschaften und Intellekt es nie über den Naturzustand herausgebracht hatten. Wo die vorgefundene Realität diesem rassistischen Ideal nicht entsprach – etwa als Europäer mit den Überresten der altägyptischen Zivilisation oder mit den gut organisierten Staatssystemen im heutigen Ruanda und Burundi konfrontiert wurden –, wurden diese vermeintlichen Abweichungen durch die Zuwanderung nichtafrikanischer Gruppen erklärt.

Die Felsenkirchen in Lalibela (Äthiopien) gehören zu den beeindruckendsten Baudenkmälern des Kontinents. Sie sind von oben aus dem Fels geschlagen und wurden vermutlich im 13. und 14. Jahrhundert erbaut. – Quelle: wikicommons CC0

Tatsächlich steht die Entwicklung afrikanischer Gesellschaften bis zu Beginn der Kolonialisierung jener in Europa in nichts nach. Machtvolle Königreiche existieren im Sahel seit dem 8. Jahrhundert. Das äthiopische Kaiserreich wurde vermutlich im 1. Jahrhundert gegründet und die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche hat ihre Ursprünge im 4. Jahrhundert, etwa in derselben Zeit wie die Römisch-katholische Kirche. Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert vereinigte das Munhumutapa-Reich durch Krieg und Diplomatie weite Teile des südlichen Afrikas und baute enge Handelsbeziehungen zur arabischen Halbinsel auf.

In vielen Dingen waren diese afrikanischen Staaten ihren europäischen Zeitgenossen sehr ähnlich, in einigen aber auch voraus. Die Herrscher des Malireichs im 14. und 15. Jahrhundert pflegten beispielsweise große religiöse Toleranz zu einer Zeit, als antisemitische Pogrome in Europa das Leben Tausender Juden forderten. Und der äthiopische Philosoph Zera Yacob entwickelte viele Gedanken des Zeitalters der Aufklärung, Jahrzehnte bevor Locke, Hume und Kant zu ähnlichen Schlüssen kamen.

Zera Yacob, ein afrikanischer Vordenker der Aufklärung

Zera Yacob lebte in den Jahren 1599–1692 und entwickelte seine Theorien als Einsiedler in einer Höhle im äthiopischen Hochland. Seine Philosophie geht in wichtigen Aspekten über die der Vorreiter der europäischen Aufklärung hinaus. Er lehnte beispielsweise die Bevorzugung einer Religion vor einer anderen genauso ab wie Sklaverei und sprach sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Ehe aus.

Alle Menschen sind gleich in der Gegenwart Gottes; und alle sind intelligent, da sie seine Geschöpfe sind; er gewährte nicht einem Volk das Leben, einem anderen den Tod, dem einen Gnade, einem anderen Verurteilung. Unsere Vernunft lehrt uns, dass diese Art der Diskriminierung nicht existieren kann.–Zera Yacob in Hatäta (1667)

Aber auch die weniger hierarchisch organisierten Gesellschaften Afrikas waren entgegen der späteren Interpretation europäischer Kolonialbeamter nicht »primitiv«. Wie die frühe Kolonialisierung zum Zerfall dieser komplexen Gesellschaften beitrug, lässt sich gut durch die Lektüre der Klassiker »Alles zerfällt« und »Der Pfeil Gottes« des nigerianischen Autors Chinua Achebe nachvollziehen.

2. Afrikanische Geschichte gehört nach Afrika

Mehr als 90% des materiellen kulturellen Erbes Subsahara-Afrikas ist heute im Besitz von Museen und Sammlungen außerhalb des Kontinents. Rituelle Masken, Schmuck, Alltagsgegenstände: Hunderttausende Objekte wurden während Eroberung und Kolonialzeit außer Landes geschafft.

Das Königreich Benin im heutigen Nigeria war berühmt für seine Kunstwerke aus Bronze. Fast alle bekannten Werke wurden systematisch geplündert. Dieses Kunstwerk findet sich heute im Britischen Museum in London. – Quelle: Son of Groucho CC0

»Die Extraktion und der Raub von kulturellem Erbe und kulturellem Besitz geht nicht nur jene Generationen etwas an, die an der Plünderung teilnehmen oder unter ihr leiden«, schreiben Felwine Sarr und Bénédicte Savoy in einem Bericht über die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter. »Sie finden Eingang in den Fortgang der Geschichte, bereiten den Boden für die Blüte einiger Gesellschaften, während sie gleichzeitig andere schwächen.«

Allein die Sammlung des Ethnologischen Museums in Berlin listet mehr als 11.000 Objekte afrikanischen Ursprungs in ihrem Online-Katalog. Sie repräsentieren die kollektive Geschichte und Erfahrungen der Gesellschaften, aus denen sie entrissen wurden. Und symbolisieren das immer noch anhaltende Machtgefälle zwischen Nord und Süd.

Oft wird als Argument gegen die Rückgabe der Raubkunst angeführt, dass die Objekte in ihren Herkunftsländern keine angemessenen Bedingungen für ihre dauerhafte Konservierung vorfinden würden. Nicht erst seit der Eröffnung von Institutionen wie dem »Museum der schwarzen Zivilisationen« im Jahr 2018 in der senegalesischen Hauptstadt Dakar ist diese Unterstellung zumindest fragwürdig. Die europäische Auffassung von Konservierung ist zudem nur eine weitere Facette des westlichen Kulturimperialismus.

Drei Statuen aus dem Königspalast von Abomey (Benin). Die heute im »Musée du quai Branly« in Paris ausgestellten Figuren wurden Ende des 19. Jahrhunderts von einer französischen Strafexpedition geraubt. – Quelle: Jean-Pierre Dalbéra

So leiht das malische Nationalmuseum regelmäßig Objekte aus seiner Sammlung an die Bevölkerung aus, wenn sie für religiöse oder kulturelle Praktiken gewünscht werden. Sicher ist dies ein anderer Umgang mit historischen Artefakten, als wir das in Europa gewöhnt sind. Aber es ist nicht zwingend ein schlechterer, vor allem da solch ein offener Umgang mit dem gemeinsamen kulturellen Erbe einer Gesellschaft hilft, neue historische Perspektiven zu schaffen.

3. Ohne Forschung keine Geschichte

»Was wir brauchen, sind neue historische Quellen, die nicht durch koloniale Interpretationen belastet sind. Und afrikanische Historiker, um mit ihnen zu arbeiten«, schlägt Daouda Keïta, Direktor des malischen Nationalmuseums, vor.

Die Erforschung der präkolonialen Geschichte Afrikas geht nur schleppend voran. Afrikanischen Regierungen fehlt das Geld für die Finanzierung von Grabungen und Museen. Die ehemaligen Kolonialmächte wiederum fördern oft lieber die Pflege ihrer eigenen Geschichte auf dem Kontinent.

Wie das aussehen kann, wird bei der Besichtigung des »Fort du Médine« im Westen Malis schnell klar. Die überschaubare Festungsanlage wurde im Jahr 1855 von französischen Kolonialtruppen gebaut und kontrollierte den strategisch wichtigen Oberlauf des Sénégal-Flusses. Über die letzten Jahre wurde die Anlage aufwendig mit Geldern der französischen Regierung restauriert und erstrahlt nun wieder im alten Glanz.

Denkmal am »Fort du Médine«, das die französischen Kommandanten der Festung ehrt. – Quelle: Peter Dörrie

Und dort wird deutlich, welches Narrativ die Geschichte bestimmt. Informationstafeln und Fremdenführer heben den Bau durch den französischen Kolonialgouverneur Louis Faidherbe hervor. Er führte die militärische Unterwerfung Westafrikas an. Nach ihm sind noch heute Straßen in vielen afrikanischen Hauptstädten benannt. Weitere Meilensteine der afrikanischen Geschichte seien auch die Eröffnung der ersten europäischen Schule und des ersten Bahnhofs im heutigen Mali sowie die Einlagerung der französischen Goldreserven während des Zweiten Weltkriegs.

Blick vom »Fort du Médine« über den Sénégal-Fluss – Quelle: Peter Dörrie

Die afrikanische Perspektive und Erfahrungen, die mit diesem Ort zusammenhängen, finden kaum Erwähnung. Die Belagerung im Jahr 1857 durch El Hadj Omar Tall, den letzten großen Reichsgründer Westafrikasund seine Tukulor-Truppen wird zwar ausführlich besprochen, doch nur um die »Rettung« des Forts und die Vertreibung von Tall durch den zur Verstärkung der französischen Garnison herbeigeeilten Faidherbe zu betonen. Über die Beweggründe Talls, die von den Franzosen vorgefundene Staatsordnung und den Umgang der einheimischen Bevölkerung mit den Europäern erfährt man praktisch nichts.

Ähnlich wie beim »Fort du Médine« bleiben auch an vielen anderen historischen Orten auf dem Kontinent afrikanische Perspektiven zweitrangig oder gar ganz unbeachtet. Hinzu kommt die völlig unzureichende Erforschung der vorkolonialen Geschichte des Kontinents. Als von Burgen, Kathedralen und Archiven verwöhnter Europäer kann man darum manchmal den Eindruck bekommen, dass man sich in einer Landschaft ohne historisches Erbe bewegt.

Dieser Eindruck täuscht natürlich. Gründliche Quellenforschung und Feldarbeit bringen mancherorts die Überreste ganzer mittelalterlicher Städte zutage. Ganz davon abgesehen, dass sich viele afrikanische Gesellschaften für Geschichtsschreibung erheblich stärker auf immaterielle Kulturgüter wie die mündliche Überlieferung durch die westafrikanischen Griots verlassen.

Groß-Zimbabwe ist eine Ruinenstadt, die ihre Blütezeit vermutlich zwischen dem 11. und 15 Jahrhundert hatte. Viele ähnliche, wenn auch kleinere Städte sind heute im südlichen Afrika nachweisbar. – Quelle: wikicommons CC BY-SA

Neue Perspektiven für ein neues Verhältnis

»Der Rassismus gegenüber Afrikanern in westlichen Gesellschaften ist heute subtiler als während des Kolonialismus, aber er ist immer noch da«, sagt Salia Malé vom malischen Nationalmuseum. Die Darstellung Afrikas in den westlichen Medien, die Diskussion über den Kontinent in der Politik »ist von Klischees geprägt, die spalten und nicht zusammenführen«.

Die im Kern immer noch kolonialen Denkmuster unserer Gesellschaft schüren heute vor allem Angst und Ablehnung gegenüber unserem Nachbarkontinent. Sie behindern nicht nur afrikanische Gesellschaften bei der Entfaltung ihrer Potenziale. Sie verhindern auch, dass wir voneinander lernen und zusammen nach Lösungen für gemeinsame Probleme suchen. Eine neue Wertschätzung für die Geschichte Afrikas könnte das ändern.

Quelle :http://www.perspective-daily.de

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