RECHERCHE IN DER TÜRKEI „Das ganze Dorf lebt vom Geld aus Deutschland“

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Fehler in der Integrationspolitik haben den Zusammenhalt der Clans gestärkt. Zu Besuch im Dorf Rashdiye in Anatolien.

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Berlin. Wer die Clans verstehen will, muss tief in ihre Geschichte eintauchen, in die 1980er-Jahre. Im Libanon tobt ein Bürgerkrieg. Araber und Christen kämpfen gegeneinander, bald mischen auch bewaffnete Palästinenser mit. Bis 1990 dauern die Gefechte. Unter dem Krieg leidet auch eine Gruppe: die Mhallamiye-Kurden, in den Jahrzehnten vor dem Krieg waren viele ausgewandert aus ihren Dörfern in der anatolischen Türkei über Syrien in den Libanon. Als auch die Mhallamiye in die Gefechte geraten, fliehen viele von ihnen nach Europa. Vor allem nach Deutschland. Bis Ende der Neunziger kommen laut Schätzungen 100.000 bis 200.000 Menschen.

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Von der Geschichte der Mhallamiye erzählen Dörfer wie Rashdiye, in der Provinz Mardin im Südosten der Türkei. 700 Einwohnern, aus dem kleinen Ort kommen viele Mitglieder der in Deutschland bekannten Familie M. Wie stark die Verbindung zwischen den Welten noch immer ist, zeigt sich auf dem kleinen Friedhof: Hier soll eine Frau aus der Familie beerdigt werden. Direkt dahinter entsteht ein Haus, das ein Verwandter aus Hannover baut.

Das ganze Dorf lebt von Geld aus Deutschland. Von dort kommen immer wieder Väter, Brüder, Cousinen zu Besuch. „Sie bekommen ja eine Art Gehalt dort, also Sozialhilfe. Und ihre Kinder arbeiten. Allah sei Dank hat sich unsere Situation hier deshalb deutlich verbessert. Und meine Kinder besitzen jetzt einige Hotels, auch eine Tankstelle. Zum Glück geht es mir jetzt sehr gut“, sagt ein älterer Mann, der in dem Dorf lebt. „Deutschland steht auf der Seite der Armen. Ich war drei Monate lang dort, habe auch dieses Gehalt bekommen. Allah Sei Dank! Wir haben uns dann einen Fernseher gekauft.“

In manchen Fällen fliehen Ende der Neunziger ganze Dörfer nach Deutschland, ganze Familien. Manche mit mehreren Hundert Mitgliedern. Viele von ihnen sind Kurden oder Palästinenser, für viele sind sie nur „die Araber“, die Fremden. Manche haben die libanesische Staatsbürgerschaft, manche die syrische oder die türkische, andere macht die Flucht zu „Staatenlosen“. Deutsche Ausländerbehörden sind mit den „libanesischen Kurden“ überfordert. Die meisten haben keine Pässe mehr, andere schmeißen ihre türkischen Ausweise weg, um ihre Chance auf Asyl zu erhöhen. Die Behörden lehnen ihr Anträge trotzdem in vielen Fällen ab. Doch weil sich kein Staat verantwortlich fühlt und Papiere fehlen, bekommen die Menschen eine „Duldung“, dürfen in Deutschland bleiben. Vorerst.

Doch aus dem Vorerst werden Jahrzehnte. Vielleicht hätte es eine Chance für den deutschen Staat gegeben, die Großfamilien zu integrieren. Sie zu Nachbarn zu machen. Doch statt auf Hilfe setzt Deutschland auf schärfere Gesetze. Auch weil die Geduld vieler Wähler sinkt, als die Zahl der Flüchtlinge wächst. Die Stimmung dreht sich gegen die Neuen. Jahrelang leben Familien der „Mhallamiye“ in Asylheimen, ihren Zugang zum Arbeitsmarkt schränken die Behörden ein und kürzen die Sozialhilfe. Auch Kinder der Flüchtlinge sind damals nicht mehr schulpflichtig. Und wo sich der Staat zurückzieht, bleibt die Familie. Der Clan hilft, ist soziale Absicherung – und auch Schutz vor Angriffen durch Rechtsextremisten in den Unterkünften.

Quelle : https://www.morgenpost.de/berlin/article214986261/Die-Wurzeln-der-Clans-Auf-Spurensuche-in-der-Tuerkei.html

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