Nachkriegsschicksal Erst vergewaltigt, dann vergessen

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Eine Szene aus der Nachkriegszeit in der SBZ: Russische Soldaten belaestigen vor der Westhalle am Hauptbahnhof in Leipzig eine Passantin. Aufnahme 1945/46 -identisch mit # 00700137 - 01.08.1945-31.12.1946 Es obliegt dem Nutzer zu prŸfen, ob Rechte Dritter an den Bildinhalten der beabsichtigten Nutzung des Bildmaterials entgegen stehen. Scene during the post-war era in the "SBZ" (Soviet occupied zone, East German territory under Soviet command): Two Russian soldiers molesting a girl in Leipzig - around 1945/46 - 01.08.1945-31.12.1946 It is in the duty of the user of the image to clear prior to usage if any Third Party rights preclude the intended use.

Die Magdeburgerin Klara M. berichtete im Juli 1945 Mitarbeitern des örtlichen Gesundheitsamtes, was ihr zwei Monate zuvor widerfahren war. „Ich bin schwächlich, außerdem war mein Rad sehr beladen, sodass ich hilflos allein den Russen ausgeliefert war und mich nicht wehren konnte, als sie mich herunterrissen.“ Die Frau stürzte auf die Straße, zwei Rotarmisten zerrten sie in den Straßengraben.

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Während der Soldat, der sich ihr Rad gegriffen hatte, damit weg fuhr, vergewaltigten die anderen beiden Rotarmisten die junge Deutsche. Ihr Bericht weiter: „Dann kam der erste noch mal zurück, ich wurde auch von ihm vergewaltigt. Während das geschah, fuhren mehrere Autos vorbei, aber niemand nahm sich meiner an, obwohl ich weinte und laut schrie.“

Genaue Zahlen darüber, wie viele Frauen in Deutschland nach dem Krieg zum Opfer sexualisierter Gewalt wurden, sind nicht mehr zu ermitteln, die Schätzungen von Expertinnen reichen von gut 800.000 bis zu zwei Millionen Vergewaltigungen. Auch einige wenige Männer wurden von Besatzern sexuell missbraucht.

Die Berlinerin Barbara W. notierte am 27. April 1945 in ihrem Tagebuch: „Ich war gerade unterwegs, um bei G. Zucker zu besorgen, da kommen zwei und ziehen mich in einen Hauseingang. Hingelegt und Röcke hoch. Schön war das nicht, aber das war ja zu erwarten.“

Für viele war der Schrecken mit der Vergewaltigung nicht vorbei. Klara M. aus Magdeburg war im Straßengraben schwanger geworden, aber wollte kein „Russenkind“ zur Welt bringen. Sie beantragte beim Gesundheitsamt eine Abtreibung. Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, hatte noch im März 1945 angeordnet, dass Schwangerschaften aus „gewaltsam erzwungenem Geschlechtsverkehr mit Rotarmisten“ abzubrechen seien.

Doch jetzt waren die Rotarmisten in den von ihnen eroberten Gebieten die neuen Herren, und die Frage, wer aus welchen Gründen abtreiben durfte und wer nicht, war unklar. Offiziell galt der Paragraf 218, der Abtreibungen weitestgehend verbot. In der Praxis befragten Gutachter von Gesundheitsämtern oder Ärzte, fast immer Männer, die schwangeren Frauen, verlangten detaillierte und glaubwürdige Beschreibungen der Vergewaltigungen und maßten sich an, ihren Lebenswandel zu beurteilen.

Der Magdeburgerin Klara M. verweigerten die Gutachter des Gesundheitsamtes jedenfalls die gewünschte Abtreibung. Die Herren warfen ihr vor, dass sie die angebliche Vergewaltigung zunächst geheim gehalten hatte. Zudem hätte sie keine Zeugen benennen können.

Helfer stützen ein Mädchen, das auf einem Flüchtlingstransport von polnischen Bewachern vergewaltigt worden ist.

Ullstein Bild

Helfer stützen ein Mädchen, das auf einem Flüchtlingstransport von polnischen Bewachern vergewaltigt worden ist.

Es war angesichts solcher Erfahrungen geradezu zwangsläufig, dass nur ein Bruchteil der betroffenen Frauen über die erlittenen Vergewaltigungen sprach und sie bei der Polizei anzeigte. Die Opfer sexualisierter Gewalt schämten sich und fürchteten Diskriminierung.

In beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften legte sich Schweigen über die Massenvergewaltigungen. Sie wurden zum Tabu. Und es sollten mehr als 40 Jahre vergehen, bis Frauen um die Feministin und Filmemacherin Helke Sander 1992 ein Buch und einen Film zu den Vergewaltigungen durch Sowjetsoldaten in Berlin im Jahr 1945 veröffentlichten.

Rund 450.000 sowjetische Soldaten hatten in der Reichshauptstadt gekämpft. Rotarmisten, so Sander und ihre Forscherinnen, vergewaltigten in den ersten drei Monate der Besatzung rund 110.000 Frauen und Mädchen, rund sieben Prozent aller Berlinerinnen. Fast die Hälfte von ihnen mehrfach.

Etwa ein Fünftel wurde schwanger. In Berlin bildete sich zwischen Ärzten und Patientinnen ein – oft stillschweigender – Konsens: lieber keine Russenkinder. Die Mehrzahl der Schwangerschaften hier wurde abgebrochen. Eine Patientin schrieb: „Es kann sich niemand vorstellen, was für Massenabtreibungen das waren.“

Doch es waren nicht nur sowjetische Soldaten, die 1945 deutsche Frauen vergewaltigten, auch Soldaten der westlichen Alliierten wurden zu Tätern. Nachdem französische Truppen am 21. April 1945 Stuttgart eingenommen hatten, registrierte die Kriminalpolizei während der nächsten zehn Tage 1389 Vergewaltigungen durch französische Armeeangehörige. Viele Opfer wurden mehrfach missbraucht.

Vier der Frauen, die sich an die Polizei wandten, waren unter 14, vier über 70 Jahre alt. In Freudenstadt mussten sich etwa 600 Frauen nach sexuellen Übergriffen ärztlich behandeln lassen.

Bei den Amerikanern, mit 1,6 Millionen Soldaten in Deutschland, kam es von März bis Mai 1945 zu 487 Prozessen vor US-Militärgerichten. Gut 1500 Fälle wurden 1945 aktenkundig.

Die Historikerin Miriam Gebhardt hat allerdings 2015 rekonstruiert, dass die Zahl der tatsächlichen Vergewaltigungen durch Amerikaner wesentlich höher war. Gebhardt geht von rund 190.000 Fällen sexueller Gewalt durch US-Soldaten aus. Zum großen Schweigen darüber sagt sie: „In der Öffentlichkeit existierte das Thema so lange nicht, weil Politiker und Wissenschaftler in beiden deutschen Staaten nicht illoyal gegenüber ihrer jeweiligen Besatzungsmacht sein wollten.“

Als Helke Sander in Militärarchiven in aller Welt zu forschen begann, gab es nirgendwo das Stichwort „Vergewaltigung“. Vor den Besatzern Deutschlands wurde die sexualisierte Gewalt aus den eigenen Reihen naturgemäß nicht thematisiert. In der DDR unterdrückte der „ewige Brüderband“ mit der Sowjetunion die Auseinandersetzung darüber, bis zur Wende 1989/90.

Zwar bekamen viele die Übergriffe gegen Frauen mit - hier eine Szene mit einem Rotarmisten in Berlin. Dennoch blieb sexuelle Gewalt lange ein Thema, über das man nicht sprach.

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Zwar bekamen viele die Übergriffe gegen Frauen mit – hier eine Szene mit einem Rotarmisten in Berlin. Dennoch blieb sexuelle Gewalt lange ein Thema, über das man nicht sprach.

Viele westdeutsche Linke bemühten noch ein anderes Argument für das Schweigen. Sie warnten davor, dass die Beschäftigung mit Verbrechen an Deutschen die Einzigartigkeit des Holocaust und die deutsche Schuld relativieren könne.

Die vergewaltigten Frauen fühlten sich beschämt und beschmutzt. Sie schwiegen und verdrängten. Viele begingen Suizid. Helke Sander sagt heute: „Über Sexualität wurde damals ohnehin nicht geredet.“ Und sie spekuliert: „Vielleicht war auch der Unterschied zwischen der Vergewaltigung und dem Sex mit dem Ehemann nicht so groß.“

Neuere empirische Forschungen der Psychologin Svenja Eichhorn und des Arztes Philipp Kuwert zeigen, welche psychischen Folgen die sexuelle Gewalt der Nachkriegszeit hinterließ. Danach haben ungefähr die Hälfte aller Vergewaltigungsopfer posttraumatische Belastungsstörungen entwickelt. Diese manifestieren sich vielfältig: Wutausbrüche, Ängste, Depressionen, Schuldgefühle, Gefühlsstarre, Schlafstörungen, Albträume, Suchterkrankungen.

Die Forscher führten ihre Interviews mit den Betroffenen mehr als 60 Jahre nach den traumatisierenden Erfahrungen. Sie erfuhren dabei auch, dass die meisten Frauen lebenslang an den Nachwirkungen der Vergewaltigungen litten: Sie hatten weniger Freude beim Sex, Probleme in den Familien, generell weniger Lebensfreude.

Traumata übertragen sich häufig in Familien von einer Generation auf die nächste. Die Historikerin Miriam Gebhardt forscht mittlerweile darüber, wie die seelischen Erschütterungen der vergewaltigten deutschen Frauen auch deren Söhne und Töchter beeinflusst haben. Sie hört Geschichten von Kindern, deren Mütter ihnen erst auf dem Totenbett von ihren Erlebnissen im Jahr 1945 berichtet haben; von Töchtern, die erst mit dem Wissen um eine lange verschwiegene Vergewaltigung der Mutter verstehen konnten, warum die Beziehung zwischen ihnen so schwierig war.

Miriam Gebhardt weist auch darauf hin, dass bis heute nichts an die Opfer erinnere. In der Tat haben zwar so unterschiedliche Gruppen wie die Gesellschaft für Bedrohte Völker und die Berliner CDU schon vor einer Weile einen Erinnerungsort für die zum Kriegsende vergewaltigten Frauen gefordert, aber geschehen ist nichts.

Es gibt inzwischen Mahnmale für gefallene deutsche Soldaten und Flüchtlinge; die Kriegsheimkehrer und die Kriegskinder erfahren öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dass sie den vergewaltigten Frauen verwehrt wird, hat für Miriam Gebhardt vor allem einen Grund: „Diese Frauen eignen sich in keiner Weise als Helden.“

Dieses Vergessen ist umso trauriger, als sich global mittlerweile eine sehr klare Sicht auf sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten durchgesetzt hat. Der Uno-Sicherheitsrat hat im Jahr 2008 beschlossen, dass solche Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verfolgt werden sollen.

Quelle : http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/deutschland-nach-dem-zweiten-weltkrieg-das-leid-vergewaltigter-frauen-a-1190761.html

 

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