Ein irakischer Asylant versorgte den BND mit todbringenden Lügen 5/5 (2)

0
108

Bericht von : 16. Februar 2011

Ein Iraker, der in Deutschland um politisches Asyl angesucht hatte, versorgte den BND mit jenen Lügen über biologische Waffen im Irak, die von den USA der Welt gegenüber als Rechtfertigung für den Angriff gegen dessen Heimatland präsentiert wurden. In einem Interview, das am Dienstag von der britischen Zeitschrift Guardian veröffentlicht wurde, gestand Rafid Ahmed Alwan al-Janabi (auch Dschanabi geschrieben) diese Lügen offen ein. Nicht nur, dass er sich vor nennenswerten Konsequenzen nicht zu fürchten scheint, betonte er in diesem Gespräch, dass er auf seine völlig haltlosen Behauptungen, die zumindest 100.000 Menschen den Tod brachten, stolz sei. Vor seiner Reise nach Deutschland war der gleiche Mann im Irak wegen gemeinen Diebstahls zur Verhaftung ausgeschrieben.

Schon lange ist es kein Geheimnis mehr, dass der Irak unter Saddam Hussein für die Welt keine Bedrohung darstellte. Alle Behauptungen über vorhandene oder sich in Entwicklung befindliche Massenvernichtungswaffen basierten ausschließlich auf Lügen. Der damalige amerikanische Außenminister Colin Powell, der die erfundenen Argumente als Tatsachen vor den Vereinten Nationen vorgebracht hatte, legte genau deswegen später sein Amt nieder. Seinen eigenen Angaben entsprechend, war er selbst das Opfer falscher Informationen.

Rafid Ahmed Alwan al-Janabi hatte im Dezember 1999 in Zirndorf, nahe Nürnberg, einen Asylantrag gestellt. In dem vorliegenden Interview erklärte er wörtlich: „Meine Antrag akzeptieren an dreizehnte dritte 2000“, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er hätte deswegen gelogen, um als Vergütung in Deutschland verbleiben zu dürfen. Seinen eigenen Angaben zufolge, ging es ihm darum, den irakischen Diktator zu entmachten. Und dazu war ihm jedes Mittel recht.

Beim Sammeln von Beweismitteln gegen Saddam Hussein schien die amerikanische Central Intelligence Agency mit dem deutschen Bundesnachrichtendienst harmonisch zu kooperieren. Der Codename des Irakers war „Curveball“, ein Begriff, der dem Baseball-Spiel entstammt.

Wie sich in einem Artikel in der englischen Ausgabe von Wikipedia nachlesen lässt, studierte er in Bagdad zwar Chemie, galt aber als schlechter Schüler. Außerdem arbeitete er bei einer Fernsehstation namens „Babel Television Production Company“, die sich im Besitz von Saddam Husseins Sohn Uday befand. Nach seinem Ausscheiden wurde ein Haftbefehl wegen Diebstahls gegen ihn erlassen. Dem damals 31-Jährigen gelang die Flucht nach Deutschland. Mit einem Touristen-Visa eingereist, deklarierte sich der vermutlich Kriminelle als Regime-Gegner, der Regierungsgelder unterschlagen hätte. Als sich herausstellte, dass diese Geschichte den deutschen Behörden nicht glaubhaft erschien, änderte Dschanabi seine Strategie und behauptete, einem Team von Wissenschaftlern angehört zu haben, das in mobilen Laboratorien im Irak biologische Massenvernichtungswaffen herstellte.

Diese Lügen dienten den Amerikanern zumindest zum Teil als Argument, einen Angriffskrieg gegen den Irak, der nach dem militärischen Konflikt von 1991 und den folgenden Sanktionen praktisch wehrlos war, durchzuführen.

Dass Dschanabis Behauptungen nicht im geringsten der Wahrheit entsprachen, wurde schon seit langem vermutet. Dass er diese Lügen nun selbst eingesteht, wirft jedoch ein völlig neues Bild auf die Situation.

Die erste Frage, die gestellt werden sollte, ist die Mitverantwortung des BND. Wenn ein Geheimdienst Informationen an ein befreundetes Land weiter gibt, so sollte der Wahrheitsgehalt entsprechenden Überprüfungen unterzogen worden sein. Es könnte natürlich der Fall sein, dass diese brisanten Informationen unter Vorbehalt, unter Verweis auf die mangelnde Glaubwürdigkeit, den Amerikanern anvertraut wurden. Doch wie sieht es in diesem Fall mit dem Stillschweigen aus, als Colin Powell den Vereinten Nationen genau diese Lügen präsentierte? Wäre es nicht die moralische Pflicht des BND gewesen, die Sache richtig zu stellen? Gewiss, es wäre ein mutiges Unterfangen gewesen, den amerikanischen Verbündeten auf solch eine Weise in den Rücken zu fallen. Doch genau dabei handelt es sich um einen wesentlichen Punkt dieses Skandals. Deutschland ist eine Demokratie. Amerika ist eine Demokratie. Und in beiden Ländern werden Lügen fabriziert und – neben der Weltöffentlichkeit – den eigenen Bürgern präsentiert, deren Steuergelder für die Finanzierung dieser Geheimdienste Verwendung finden.

Und was passiert nun mit Rafid Ahmed Alwan al-Janabi? Mit einem Mann, der offen eingesteht, durch die von ihm erfundenen Behauptungen Mitschuld am Tod der Gefallenen und Ermordeten im Irak-Krieg zu tragen, deren Zahl mit Sicherheit 100.000 übersteigt? Wenn ein Krieg unter falschen Behauptungen begonnen wird, sollten Personen, von denen diese falschen Behauptungen weitergegeben werden, nicht ebenso zur Verantwortung gezogen werden wie alle anderen Kriegstreiber?

Was würde passieren, wenn Sie mit Ihrem Chef nicht zufrieden sind und ihn unter falschen Anschuldigungen bei der Polizei anzeigen. Beim Versuch, ihn festzunehmen, kommt es zum Schusswechsel und einige Menschen, der Chef eingeschlossen, werden getötet. Plötzlich erklären Sie vor laufender Kamera, dass alles erlogen war. Würde es sich dabei nicht um einen Fall für die Staatsanwaltschaft handeln? Mit welchen Konsequenzen darf Dschanabi nun rechnen? Und wer sind jene Männer und Frauen innerhalb des BND, die Dschanabis Lügen an die Amerikaner weiter leiteten? In welcher Art und mit welchen möglichen Einschränkungen wurden die Informationen formuliert? Es bleibt zu hoffen, dass alle Details in diesem Zusammenhang sehr rasch zur Veröffentlichung gelangen werden. 

Quelle : https://www.theintelligence.de/index.php/enthuellungen/politik-wirtschaft/2206-ein-irakischer-asylant-versorgte-den-bnd-mit-todbringenden-luegen.html

Please rate this

Loading...
loading...
loading...

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here