Die Unsichtbaren Das Drama um Hamburgs wohnungslose Frauen 5/5 (1)

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Die Waschmaschine läuft auf Hochtouren, Irina M. (42) kommt im Bademantel aus der Dusche und liest dann auf dem Sofa erst mal in Ruhe Zeitung. Was wie eine alltägliche Szene klingt, ist für Frauen wie Irina M. Luxus. Sie ist wohnungslos und kann solche Momente nur in der „Kemenate“ genießen. Denn in dem Tagestreff für Wohnungslose sind Frauen unter sich. In Hamburg leben offiziell mehr als 7300 wohnungslose Frauen. Und die Dunkelziffer ist enorm.

Eine hübsche Wohnsiedlung mitten in Eimsbüttel, mit Kopfsteinpflaster und großen Bäumen. So gegen 14 Uhr öffnet die Kemenate und es steht schon eine kleine Traube von Frauen vor dem Rotklinker-Haus. Viele rollen einen Hackenporsche oder Koffer hinter sich her. Manche kommen auch ohne Gepäck. Aber keine sieht irgendwie auffällig aus. Dabei sind fast alle wohnungslos.

Frauen, die keine Wohnung haben, bringen ihre Sachen oft im Hackenporsche unter. So sieht ihnen niemand an, dass sie keine Bleibe haben.

Sie haben kein eigenes Zuhause. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie unter Brücken oder im Zelt schlafen. Denn das wäre viel zu gefährlich. Um das zu vermeiden, kriechen sie zeitweise bei Verwandten oder Freunden unter, bezahlen mal für eine Nacht eine Pension. Einige gehen auch kurz- oder längerfristige sexuelle Beziehungen ein, um einen Schlafplatz zu haben. Viele schlüpfen in den städtischen Notunterkünften unter. Die Übergänge zur Obdachlosigkeit können dabei fließend sein.

„Unsere Frauen sind gepflegt und achten sehr auf sich“, sagt Tanja Lazarevic, die seit Jahren Sozialarbeiterin bei Kemenate ist. „Sie wollen nicht als wohnungs- oder obdachlos los erkannt werden.“ Deshalb haben sie auch einen Trolley oder Koffer mit ihren Habseligkeiten bei sich. Damit fallen sie in der Öffentlichkeit nicht auf, anders als mit einem riesigen Rucksack oder vollen Plastiktüten. Sie sind quasi unsichtbar.

Etwa 35 Frauen kommen fast täglich zum Tagestreff Kemenate, nicht nur zum Waschen und Duschen, sondern auch für eine warme Mahlzeit und die regelmäßige Lebensmittel-Ausgabe der Hamburger Tafel. In diesem Jahr feiert die Kemenate ihren 30. Geburtstag.

Anders als viele andere Einrichtungen ist der Frauentreff sogar am Wochenende geöffnet. Am Schwarzen Brett hängen Informationen über Hilfe bei der Wohnungssuche, bei häuslicher Gewalt – und die regelmäßigen Termine, zu denen eine Frisörin und eine Fußpflegerin kommt.

Fachverbände schätzen, dass mittlerweile 27 Prozent der Wohnungslosen weiblich sind – jeder Vierte! Tendenz steigend. Die Gründe sind vielfältig. Von der Flucht aus einer Gewaltbeziehung über Sucht bis zu psychischer Erkrankung, Scheidung, Schicksalsschlägen. Hinzu kommen Frauen aus Osteuropa, die hier keine Arbeit gefunden haben. Mittlerweile ist die Hälfte der Frauen bei der Kemenate nicht deutscher Herkunft.

Tanja Lazarevic arbeitet seit Jahren als Sozialarbeiterin bei Kemenate.
Foto: Bettina Blumenthal
Laut Sozialbehörde leben in Hamburg allein 7300 wohnungslose Frauen in den städtischen Notunterkünften von „fördern & wohnen“, in Frauenhäusern und Notschlafstätten. Hinzu kommen diejenigen, die bei kleinen Sozialträgern unterkommen, plus Frauen, die sich privat einen Unterschlupf suchen oder „Platte machen“. In der Zahl enthalten sind auch Geflüchtete.

Wie viele Frauen tatsächlich auf der Straße leben, ist aber nicht bekannt. „Draußen schlafen Frauen eigentlich nur, wenn sie gar keinen anderen Platz bekommen“, so Lazarevic. „Leider nimmt diese Situation aber zu.“

Auf der Straße wahrnehmbar sind fast nur obdachlose Männer. Wie eine aktuelle Erhebung im Auftrag der Stadt ergeben hat, leben mittlerweile 1910 Obdachlose bei uns. Das sind 881 mehr (plus 86 Prozent) als bei der letzten Erhebung vor acht Jahren. Ein Drittel sind Deutsche, die Mehrheit kommt aus Osteuropa, aus dem Baltikum und vom Balkan.

Quelle :www.mopo.de

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