Deutschland in Ketten: Der Vertrag von Versailles und die Folgen No ratings yet.

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Deutschland in Ketten

_ Der Versailler Vertrag und seine Folge: Bei den Verhandlungen in dem Pariser Vorort wird kein Friede geschaffen – sondern die Grundlage für einen neuen Krieg gelegt.

Das deutsche Drama nach dem Ersten Weltkrieg beginnt damit, dass US-Präsident Wilson der deutschen Seite noch während des Krieges einen Friedensschluss anbietet, den die Sieger später ignorieren. Wilsons Friedensangebot – die sogenannten 14 Punkte – enden mit den Sätzen: «Wir sind nicht eifersüchtig auf die deutsche Größe, und es ist nichts in diesem Angebot, das sie verringert.(…) Wir wünschen nicht, Deutschland zu verletzen oder in irgendeiner Weise seinen berechtigten Einfluss oder seine Macht zu hemmen.

(…) Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt, statt eines Platzes der Vorherrschaft.»

Dem US-Angebot folgen außerdem fünf Notenwechsel zwischen Deutschland und den USA, in denen beide Seiten die 14 Punkte als verbindlich anerkennen. Sie hatten damit den Charakter eines Vorvertrags. Die einzige Abtrennung deutsch besiedelten Gebietes, die schon dort vereinbart wird, ist die Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich. Mit der Zusicherung «Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt» legt Deutschland seine Waffen nieder und beginnt, seine Truppen aufzulösen.

Die Konferenz

Es kommt zum Waffenstillstand und der Konferenz von Versailles, die in fataler Weise Geschichte schreiben wird. Die Versammlung leitet der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der die 14 Wilson-Punkte nicht anerkennt und die deutsche und die österreichische Konferenzdelegation von den Verhandlungen ausschließt. So verhandeln Briten, Franzosen, Amerikaner, Belgier, Polen und weitere 22 Siegerstaaten geschlossen unter sich. Sie beschließen die Abtrennung deutscher Gebiete und die Geld- und Sachreparationen, die Deutschland an sie abtreten, zahlen oder leisten soll. Sie legen die nach Versailles benannte Nachkriegsordnung für Europa zu alleinigen Lasten der Besiegten fest.
Am 7. Mai 1919 werden die von den 27 Siegerstaaten festgelegten Bedingungen erstmals der deutschen Delegation eröffnet. Clemenceau überreicht sie mit den Worten: «Die Stunde der Abrechnung ist da.» Die Bitte der deutschen Delegation, den «Vertrag», den sie nun unterschreiben soll, vorher verhandeln zu können, wird abgelehnt. Um dem Ausmaß ihrer Forderungen den Anschein von Berechtigung zu geben, versteigen sich die Sieger darauf, Deutschland und seinen Kriegsverbündeten die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuzuschreiben. Der Vertrag verlangt von Deutschland eine große Zahl an Land- und Bevölkerungsabtretungen: das zu 88 Prozent deutschsprachige Elsass-Lothringen an Frankreich, die Provinzen Posen, fast das ganze, zu 70 Prozent deutschsprachige Westpreußen und das oberschlesische Industriegebiet an Polen, das Memelgebiet an den Völkerbund, das Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei, Nordschleswig an Dänemark, das Gebiet um die Städte Eupen und Malmedy an Belgien sowie Danzig und Umland als Freistaat unter die Hoheit des Völkerbundes. Der Vertrag stellt außerdem das Saargebiet für 15 Jahre unter Frankreichs Herrschaft.

Mehr als die Landverluste schmerzen die erzwungenen Bevölkerungsabtretungen. Die Ausgliederung von sieben Millionen Menschen aus dem Deutschen Reich und die Grenzen neuer Staaten trennen Millionen von Familien auf unbestimmte Dauer. Mit dem Vertrag verliert Deutschland seine Kolonien, zumeist an England. Die Streitkräfte werden auf 100.000 Mann im Heer und 15.000 in der Marine reduziert. Das Deutsche Reich muss den größten Teil der Handelsflotte und seiner Goldreserven an die Sieger übergeben, dazu einen Großteil seiner jährlichen Eisenerz- und Kohleförderung, Unmengen von Nutzvieh sowie Landwirtschaftsmaschinen, 150.000 Eisenbahnwaggons und viele tausend Lokomotiven und Lastkraftwagen. Das gesamte private Auslandsvermögen und unzählige Industriepatente werden konfisziert. Die Geldzahlungen sind exorbitant und über 70 Jahre zu begleichen. Deutschland wird diese, wie sich später zeigen wird, nie in voller Höhe zahlen können.

Die Folgen

Die unmittelbarsten Folgen sind die Ausweisung und Flucht von mehr als einer Million Deutscher aus ihrer Heimat in das deutsche Kernland, das zu der Zeit weder Arbeitsplätze noch Wohnraum noch soziale Hilfe für die Vertriebenen in ausreichendem Maße bieten kann. Dazu kommen über 20 Jahre lang für viele Millionen Deutsche, die sich entschlossen haben, in ihrer angestammten Heimat zu verbleiben, eine Mischung aus unfreundlicher Duldung, Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung in den Staaten, denen sie nun ungefragt und ungebeten angehören müssen. Die kurze Zeit bis 1939 lässt kein Vergessen der erlebten Schicksalsschläge zu. Als ab 1934 die wirtschaftliche Lage Deutschlands wieder deutlich besser wird und die Vertriebenen in ihrer Mehrzahl wieder Arbeit, Lohn und Wohnraum finden, und als zwischen 1935 und 1938 erst des Saargebiet, dann die Sudetenlande und das Memelgebiet und damit über drei Millionen Deutsche «heim ins Reich» kehren, wollen vor allem diese gerade von der Fremdherrschaft erlösten Menschen sicher nicht schon 1939 wieder in einen neuen Konflikt geraten. Für sie – wie für die Mehrheit aller Deutschen – ist der neue Kriegsanlass von 1939 – Danzig, die Verkehrswege ins abgetrennte Ostpreußen und die Garantie der Menschenrechte für die in Polen lebenden Volksdeutschen – nur die konsequente Fortsetzung einer Außenpolitik, die ihnen gerade die Befreiung von Fremdherrschaft beschert hat.

Der Erste Weltkrieg ist für fast alle kämpfenden Parteien auch ein finanzieller Opfergang gewesen. Die Deutschen hatten ihre Kriegsausgaben mit Steuern und Staatsanleihen selbst finanziert. Briten und Franzosen hatten sich die nötigen Gelder größtenteils bei Banken in Amerika geliehen. So versuchen die Regierungen Englands und Frankreichs, ihre Kriegsschulden und Kriegslasten nach 1919 aus dem besiegten Deutschland einzutreiben.

Zeichnung-Collage: COMPACT

Reparationen in Geld, Gold und Devisen

Als erstes muss Deutschland 1919 zur Sicherung der noch nicht festgelegten Reparationen bei ausländischen Banken eine Schuldverschreibung über 100 Milliarden Goldmark unterschreiben und dafür ab der Unterzeichnung 5 Prozent Zinsen – das sind fünf Milliarden Goldmark jährlich – zahlen. Um die Größenordnung zu verstehen, sei erwähnt, dass Frankreich 1871 nach einem Krieg, den es selbst verursacht, erklärt und dann verloren hatte, mit einer Gesamtreparation von ca. fünf Milliarden Goldfranken (etwa vier Milliarden Goldmark) davongekommen war. Die alliierten Sieger verlangen 1919 hingegen einen Beitrag in fast der gleichen Höhe, aber jährlich, und das ohne Tilgungsanteil.
Im Januar 1921 legen die Siegermächte dann die Gesamthöhe der Reparationen Deutschlands für die nächsten 42 Jahre fest: ungefähr 331 Milliarden Goldmark. Auch hier zwei Zahlen zum Vergleich: Die Kosten Deutschlands für den gesamten Ersten Weltkrieg hatten nur halb so viel betragen (163 Milliarden). Und das besiegte Russland hatte 1918 im Frieden von Brest-Litowsk überhaupt keine Reparationen an die Sieger Deutschland und Österreich-Ungarn zahlen müssen (die im Netz übliche anderslautende Angabe dazu ist falsch). Man erkennt im Ausland schon damals, wie völlig maßlos die eigenen Forderungen in Versailles sind. Dazu drei Siegerstimmen: Der damalige italienische Ministerpräsident Francesco Nitti: «Noch niemals ist ein ernstlicher und dauerhafter Friede auf die Ausplünderung, die Quälerei und den Ruin eines besiegten Volkes gegründet worden.» Der amerikanische Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, Robert Lansing, noch während der Versailler Sitzungen: «Die Friedensbedingungen erscheinen unsagbar hart und demütigend, während viele von ihnen mir unerfüllbar erscheinen.» Und Churchill in seinen Erinnerungen: «Die wirtschaftlichen Bestimmungen des Vertrages waren so bösartig und töricht, dass sie offensichtlich jede Wirkung verloren. Deutschland wurde dazu verurteilt, unsinnig hohe Reparationen zu leisten.» Doch weder die rechtzeitigen noch die späteren Einsichten führen dazu, dem besiegten Deutschland eine Brücke zu bauen.

Die junge deutsche Republik hat außer den Reparationen auch noch eigene Kriegsanleihen abzutragen, Unterstützung für die Kriegsopfer aufzubringen, Entschädigungen für die in Elsass-Lothringen verlorenen Sachwerte zu leisten und obendrein den Siegern die Besatzungskosten zu bezahlen. So kommt es, dass das Deutsche Reich schon die zweite Monatsrate nicht mehr voll begleichen kann. Die Sieger besetzen daraufhin zum ersten Mal als Straf- und Repressionsmaßnahme einen Teil des Ruhrgebiets – die Städte Duisburg, Düsseldorf und Ruhrort.

Im Mai 1921 legen die Siegermächte dann einen «endgültigen Reparationsplan» fest, der allerdings nicht lange gültig bleibt. Die neue Schuld beträgt noch 132 Milliarden Goldmark plus einer 26 Prozent-Abgabe auf alle deutschen Exporte, was jährlich noch einmal bei zwei bis drei Milliarden liegt. Auch 1922 kann die Weimarer Republik die Schulden nicht bezahlen. Als gegen Ende 1922 noch 1,6 Prozent der Jahresrate fehlen, marschieren belgische und französische Truppen ein zweites Mal ins Ruhrgebiet ein und besetzen Oberhausen und Essen. Die Reichsregierung unter Kanzler Wilhelm Cuno ruft daraufhin zum «passiven Widerstand» gegen die Besatzungstruppen auf, was zur Erschießung von 14 deutschen Arbeitern und der Vertreibung von 80.000 Männern aus dem Ruhrgebiet führt, die damit Heim, Arbeitsplatz und Lohn verlieren. Frankreich unterbindet außerdem die Lieferung von Kohle von der Ruhr ins nicht besetzte Deutschland. Da die Weimarer Republik schon die Kohlereviere Saar an die Franzosen und Oberschlesien an die Polen hatte übergeben müssen, bricht mit dem Kohle-Embargo an der Ruhr die Energieversorgung im ganzen Deutschen Reich zusammen. Dem folgen der Kollaps der deutschen Industrieproduktion und kurz darauf auch der Zusammenbruch der Währung.

Es kommt zur Inflation, bis vier Milliarden Reichsmark nur noch den Wert von einem Dollar haben. Es kommt zu hoher Arbeitslosigkeit und zur Verelendung eines großen Teiles der Bevölkerung in Deutschland.

1924 folgt der nächste Zahlungsplan der Sieger, der Dawes-Plan, der wieder keine Obergrenze für die deutschen Zahlungspflichten nennt, aber geringere Jahresraten ansetzt. Deutschland – nach wie vor nicht zahlungsfähig – leiht sich das verlangte Geld bei US-Banken und zahlt seine Reparationen nun fünf Jahre lang mit immer neuen Schulden. 1930 wird der Dawes-Plan vom Young-Plan abgelöst, der die endgültige Höhe der Reparationen festlegt und die Zahlungsdauer 1988 enden lässt. Auch die Young-Raten muss sich die Weimarer Republik bei Banken in den USA besorgen. Die Reste der Dawes- und Young-Anleihen zahlt die Bundesrepublik Deutschland bis zum Jahr 2010 bei Banken in den USA ab.

1930 beginnt die Weltwirtschaftskrise in Nordamerika. Die US-Banken – nun selbst in Schwierigkeiten – verlangen von den deutschen Schuldnerbanken, alle kurzfristigen Kredite der letzten Jahre sofort zurückzuzahlen, worauf im Sommer 1931 fast alle deutschen Banken Konkurs anmelden müssen. Es folgt die Zeit der Depression in Deutschland, die Zeit der sechs Millionen Arbeitslosen und der Versuch der Reichsregierung Brüning, die Weimarer Republik am Parlament vorbei mit Notverordnungen wirtschaftlich zu retten. Dies ist der Tod der Republik von Weimar und der Beginn des Aufstiegs der NSDAP in Deutschland.

Quelle : https://www.compact-online.de/deutschland-in-ketten-der-vertrag-von-versailles-und-die-folgen/

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