Wohnort: Berlin Wohnsitz: keiner

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Einer der vielen Obdachlosen in Berlin, versucht sein Hab und Gut vor dem Starkregen in Sicherheit zu bringen
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Berlin –

Die Zahl der Menschen ohne eine feste Bleibe hat in der Hauptstadt einen Negativrekord erreicht. Nach Schätzungen der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind in Berlin etwa 20.000 Menschen wohnungslos.

Sie haben keine eigene Wohnung, übernachten in Notunterkünften und Übergangsheimen, bei Verwandten und Freunden. Etwa 6000 von ihnen leben auf der Straße. „Wohnungsnot wird zu einem immer größeren Problem“, sagt Ulrike Kostka, Vorsitzende der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und Caritas-Chefin von Berlin. „Es wird in Berlin immer schwerer, Wohnungen für Menschen mit sozialen Problemen zu finden. Sie sind bei der Wohnungssuche meist chancenlos.“

Am Donnerstag veröffentlichte die Bundesarbeitsgemeinschaft zehn Gebote gegen Wohnungslosigkeit. Ein symbolisches Signal wenige Tage vor der Bundestagswahl. „Jeder hat das Recht auf ein Bett und auf Wohnraum“, sagt Kostka. Es sei in Berlin derzeit so, dass viele Menschen in Notunterkünften bleiben müssten, weil es für sie keine Wohnungen mehr gibt.“

„Seit 18 Monaten bin ich auf der Straße“

Oder sie hausen in wilden Zeltlagern. So eins steht in einem Park direkt hinter dem Klub Berghain (Friedrichshain). Einer der dortigen 70 Obdachlose ist Heiko (41). Seit fünf Jahren ist der gelernte Koch arbeitslos. „Dieser ganze Ärger mit den Behörden, um einen Job zu finden – darauf habe ich keine Lust mehr“, sagt Heiko. Den Frust ertrank er in Alkohol, nahm Drogen. Heikos Ehe zerbrach, er flog aus der Wohnung.

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Zehn Gebote stellte Caritas-Direktorin Ulrike Kostka vor, eines lautet: Du sollst niemandem ein Dach über dem Kopf verwehren.

„Seit 18 Monaten bin ich auf der Straße“, sagt er. „Für paar Wochen war ich in einer betreuten Unterkunft. Doch als die Räume für Flüchtlinge gebraucht wurden, sollte ich mir eine andere Bleibe suchen.“ Da Notunterkünfte überfüllt sind, zog er von einem wilden Obdachlosen-Camp zum nächsten. „Ich war in einem an der Oberbaumbrücke, in einem auf der Cuvry-Brache. Immer wenn eines der Lager von den Behörden aufgelöst wurde, verschwand ich ins nächste.“

„Berlin ist ein Sehnsuchtsort für viele. Viele kommen her und leben jahrelang auf der Straße“, sagt die Caritas-Direktorin. Sie fordert jetzt, dass sich der Bund um das Thema kümmert, ein Kanzlergipfel muss einberufen werden. „Es geht um Menschlichkeit und Solidarität, um das menschliche Zusammenleben und Gerechtigkeit“, appellierte sie an die Politiker. „Jetzt muss gehandelt werden.“

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Das illegale Zeltlager hinter dem Klub Berghain. Hier leben etwa 70 deutsche und polnische Obdachlose.

„Obdachlose Menschen brauchen 365 Tage im Jahr Hilfe“

Vor allem Frauen und Osteuropäer leiden unter Obdachlosigkeit. Eine obdachlose Frau erzählt: „Wir sind schutzlos und zerbrochen. Und werden als Versagerinnen fürchterlich abgestempelt. Unsere Familien wenden sich von uns ab.“

In Berlin haben etwa 2400 Frauen keine Wohnung, bundesweit rechnet die Caritas in den kommenden Jahren mit bis zu 160.000 obdachlosen Frauen. Frauen würden wegen ihrer Kinder oft nur Teilzeit arbeiten, bekämen später eine geringe Rente und könnten deshalb schneller obdachlos werden. Sozialarbeiter fordern, dass Männer und Frauen auch bei finanziellen Problemen in ihren Wohnungen bleiben dürfen.
Besonders problematisch ist die Situation wohnungsloser Osteuropäer, die nach Berlin kommen. Sie haben in der Regel keinen Anspruch auf Sozialleistungen, sind nicht krankenversichert und campieren auf der Straße.

„Obdachlose Menschen brauchen 365 Tage im Jahr Hilfe.“ Daher werden wir mehr Mittel für die Wohnungslosenhilfe insgesamt an die Hand nehmen“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) dem KURIER.

Quelle : http://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/wohnort–berlin–wohnsitz–keiner–28376014

 

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