„Ich will nicht mehr leben“ – so schlimm sind Deutschlands Altenheime wirklich

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Erst vor ein paar Tagen hatte Elisabeth Breitenacker wieder einen dieser Träume. Die Heilige Jungfrau Maria sei ihr erschienen und habe sie mitgenommen – „in den Himmel“, wie sie sagt. Während die alte Dame spricht, fixiert sie ihren Gesprächspartner, dann dreht die Frau, die ihr Bett nicht alleine verlassen kann, den Kopf etwas zu den Zuhörern und flüstert: „Ich will nicht mehr leben.“ Ob sie lieber tot wäre, als hier zu sein? „Ja“, sagt sie nur.

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Die Stimme der 98-Jährigen ist brüchig. Man muss sich zu ihr hinunter beugen, um sie zu verstehen. Doch die wenigen Sätze, die sie an diesem Nachmittag sagt, lassen erahnen, wie schrecklich es in vielen deutschen Pflegeheimen zugeht. Breitenacker lebt seit einigen Monaten in einem gut 20 Quadratmeter großen Zimmer in einem Münchner Altenheim.

„Stundenlang im eigenen Kot und Urin liegen“

„Elisabeth ist bei fast allen Dingen auf Hilfe angewiesen“, sagt Claus Fussek. Der wohl bekannteste Kritiker der deutschen Altenpflege ist an diesem Dezembernachmittag wie so oft bei Breitenacker zu Besuch.

Er hat eine befreundete Krankenschwester mitgenommen, die Breitenacker zur Hand geht. „Damit sie auch einmal auf die Toilette gehen kann, oder zumindest gleich die Windel gewechselt bekommt und nicht wie sonst in ihrem eigenen Kot oder Urin liegen muss“, erläutert Fussek. Zu selten kämen die Schwestern oder Pfleger zu ihr, behauptet der Mann, der regelmäßig in Fernsehsendung das Grauen in deutschen Seniorenstiften beschreibt.

Entzug der Klingel als Strafe?

Eigentlich gibt es für Heimbewohner, die wie Breitenacker wegen ihres schlechten Gesundheitszustands nicht alleine aufstehen können, extra mobile Klingeln. Mit einem Knopfdruck kann so die Schwester geholt werden. „Doch mitunter ist das nur Theorie. Denn oft platzieren die Pflegekräfte diese so, dass die Patienten nicht dran kommen“, sagt Fussek. Schwester Katharina deutet auf das kleine Gerät, das mit einer viel zu kurzen Schnur über dem Bett angebracht ist. „Das erreicht sie doch mit den Händen niemals“, sagt die Frau mittleren Alters, die nach ihrer Arbeit in einer Klinik weiter ehrenamtlich anpackt.

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Erinnerungen an ihr Leben vor dem Heim: Fotos und Keramik aufgereiht auf einer alten Kommode.

„Das mit den Klingeln ist in so vielen Heimen der Fall“. Mitunter geschehe dies schlicht aus Gedankenlosigkeit, weiß Fussek und fügt hinzu: „Oft dient das Weglegen aber auch dazu, aus Sicht der Pfleger renitente Heimbewohner, die sich etwa bei ihren Angehörigen beschwert haben, zu bestrafen“. Ist es vorstellbar, dass die resolute Pflegerin die später noch das Essen für die alte Damen bringt, so etwas tut? Diese Frage sollte sich, wenn man Fussek und anderen Kritikern des Pflegesystems glaubt, wohl so mancher stellen, der seine Eltern in einem deutschen Altenheim untergebracht hat.

Rund 800.000 Menschen hierzulande leben derzeit in Senioren- und Pflegeheimen – das sind fast doppelt so viele wie noch Mitte der 1990er-Jahre. Und es werden schon bald weit mehr sein. Bereits heute sind 2,6 Millionen Deutsche pflegebedürftig. Das geht aus Zahlen der Bundesregierung hervor.

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Claus Fussek, Deutschlands berühmtester Pflegekritiker, sagt: „In manchen Pflegeheimen geht es kriminell zu.“

Wegen der dramatischen Überalterung unserer Gesellschaft werden es laut dem gerade veröffentlichten Pflegereport der Barma-Krankenkasse im Jahr 2060 bereits über viereinhalb Millionen Menschen sein, die auf Pflege angewiesen sind.

Oft versorgen in den Familien bislang Ehefrauen oder Töchter ihre Verwandtschaft – mit entsprechenden Einbußen bei den späteren Renten. Doch diese traditionelle Rollenverteilung, die Frauen benachteiligt, erodiert. Deshalb und vor allem, weil unsere Gesellschaft dramatisch überaltert, steigt die Zahl derer, die ihre letzten Jahre in Pflegeheimen verbringen, schon seit einiger Zeit an.

Zehntausende Stellen in der Pflege abgebaut

Die Zahl der Pfleger pro Heim sinkt dagegen seit Jahren. Alleine von 1996 bis 2002 wurden dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe zufolge etwa 50.000 von 325.000 Stellen abgebaut. Bis ins Jahr 2025 fehlen 260.000 Pflegekräfte, rechnete das Statistische Bundesamt bereits 2013 vor.

Fussek warnt: „Es herrscht längst Pflegenotstand. Wenn die Politik nichts unternimmt, gibt es bereits in einigen Jahren eine Katastrophe.“

An diesem späten Mittwochnachmittag in der Vorweihnachtszeit ist er, wie er sagt, „noch nicht einmal in einer der schlimmeren Einrichtungen“. Ein ganz normales Heim sei das. „Doch auch der normale Wahnsinn ist genug.“ Der 63-Jährige spricht von einem „LEIDBILD“ statt einem „LEITBILD einer guten Pflege“, das in deutschen Senioren-Einrichtungen vorherrsche. „In vielen Gefängnissen geht es besser zu.“

Der Münchner Sozialpädagoge und Buchautor redet sich leicht in Rage. Doch wenn er mit Elisabeth Breitenacker spricht, ist seine Stimme stets sanft und freundlich. Zwischenzeitlich hat sich die Rentnerin ein wenig aufgerichtet, dabei ist ihre Jogginghose etwas nach oben gerutscht. Riesige blaue und grüne Flecken an den Beinen kommen zum Vorschein.

„Das wurde Frau Breitenbacher angetan“

„Pfleger haben zugelassen, dass sie stürzt“, behauptet Fussek. Plötzlich kramt er eine kleine Mappe mit Fotos aus seiner Tasche. Noch mehr Bilder von Prellungen und Wunden. „Das wurde Frau Breitenbacher angetan“, schimpft der Pflegeexperte. Die Heim-Angestellten hätten beim Bewegen der alten Frau „einfach zu fest zugedrückt“. Er habe deshalb den Heimleiter informiert. Anders als viele Verantwortliche in anderen Senioren-Domizilen, sei der zumindest bemüht, „die Situation zu verbessern“.

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Blaue und grüne Flecken an den Knien von Elisabeth Breitenacker. Sozialarbeiter Fussek gibt den Pflegern die Schuld daran.

Um auf die oft auch schlechte finanzielle Ausstattung vieler Pflegeeinrichtungen aufmerksam zu machen, erlaubte die Leitung auch den Besuch eines Journalisten. Nur den Namen des Heimes dürfe man nicht nennen. Wer würde sonst seine Mutter oder seinen Vater weiter in die Obhut dieses Hauses geben?

Viele Wochen Warten auf den Zahnarzt

Würden Schutzbefohlene in anderen Einrichtungen wie etwa einem Kindergarten solche Verletzungen erleiden, so würde zu Recht sofort die Staatsanwaltschaft ermitteln, ist Fussek überzeugt: „Doch alte Menschen in Heimen, interessieren eben niemanden.“ Selbst beim Tierschutz würde die Einhaltung der Regeln strenger überwacht.

Auch die sonst ruhige Krankenschwester Katharina ärgert sich nun. „Sechs Wochen lang muss Elisabeth nun schon auf den Zahnarzt warten. Jetzt soll er im Januar kommen.“ Es könne nicht sein, dass die arme Frau jeden Tag nur Toastbrot essen könne, schimpft Fussek.

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„Wegen Flüchtlingszustrom: Weniger Ehrenamtliche in Altenheimen“

Der Pflegeexperte fürchtet, dass die Probleme in der Altenpflege, nun wo die Flüchtlings-Thematik alles überlagere, noch weiter in Vergessenheit geraten würden. Fussek zufolge hat das Engagement von ehrenamtlichen Helfern in Altenheimen in den vergangenen Monaten nachgelassen. „Es sind weniger Freiwillige geworden.“

Dies hänge auch damit zusammen, „dass sich viele Ehrenamtliche lieber für Flüchtlinge engagieren“. Er wolle aber keineswegs beide Gruppen gegeneinander ausspielen. „Wir dürfen kein schwaches Glied der Gesellschaft vernachlässigen.“ Doch es dürften keine Hierarchien der Bedürftigkeit entstehen, warnt er.

Bei großen Wohlfahrtsverbänden wie der Arbeiterwohlfahrt, die die meisten Altenheime betreiben, heißt es, man wisse schlicht nicht, ob die Zahl der ehrenamtlichen Helfer zuletzt gesunken sei. Lediglich ein Caritats-Vertreter sagt, sein Verband teile die Einschätzung Fusseks nicht. Er weist jedoch darauf hin, dass man als Dachverband nicht „repräsentativ informiert“ sei.

Einst Chefsekretärin, heute schutzlos

Zumindest Breitenacker bekommt noch immer regelmäßig Besuch von der überzeugten Christin Katharina. Breitenacker hat ihr Leben lang gearbeitet. Als Chefsekretärin bei einer Wohlfahrtsorganisation, wie sie stolz sagt. Auch ehrenamtlich hatte sie viel geleistet, etwa im Tierschutz. Doch dann stürzte sie in diesem Jahr unglücklich in ihrer Wohnung – die Folge war ein Oberschenkelbruch.

Dann das Heim. An vieles habe sie sich gewöhnt, sagt die fast ein Jahrhundert alte Frau. Dass zunächst niemand komme, auch wenn die Klingel gehe. Bis zu einer Stunde musste die alte Dame schon warten, sagt Fussek. Auch an diesem Nachmittag erscheint minutenlang keine Schwester, als Breitenacker auf die Toilette will.

Damit, dass sie ständig von fremden Männern gewaschen wird, kann sie sich bis heute nicht anfreunden. „Sie hat noch immer Angst“, sagt Katharina. 14 Jahre lang war Breitenacker verheiratet. Sie zeigt auf ihren Ring. „Doch keine Kinder.“ Nun also das Heim.

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Breitenacker war auch künstlerisch begabt. Das Bild zeigt einen Bekannten, den sie gezeichnet hat.

An den Wänden ihres Zimmers hängen mehrere Bilder. Ein paar manifestierte Erinnerungen sind ihr geblieben – aufgereiht auf einer alten Kommode aus Holz: Fotos von ihrem Mann und ihrem Hund, Vasen aus Ton sowie ein goldfarbenes Kreuz – alle diese Gegenstände erzählen eine Geschichte aus dem Leben der Münchnerin. Sie wurde während des Ersten Weltkriegs geboren, hätte viel zu sagen.

Doch kaum einer der Angestellten interessiere sich für die langsam verblassenden Erinnerungen der Frau, sagt Fussek resigniert.

Ein Schal von 1860 München hängt an einem Hacken. An der Wand klebt ein Foto des Fußballtrainers Jürgen Klopp. „Schatzi“, nennt sie ihn liebevoll. Einige persönliche Dinge hat sie säuberlich verstaut. Ihre Schulzeugnisse aus den 1920er-Jahren, „die stets gut waren“, wie Fussek sagt.

„Diese Pfleger wurden im Zoo nicht genommen“

Breitenackers Augen blitzen für einen kurzen Moment auf, als er sie darauf anspricht. Doch oft fehle ihr die Ansprache, bleibe nur der starre Blick zur Decke, wie Fussek sagt. So gehe es vielen Menschen in deutschen Heimen. Manche Pfleger seien einfach im falschen Beruf. „Die wurden im Zoo nicht genommen. Doch wegen des Pflegermangels stellen die Heime jeden ein“, poltert er.

Deshalb müsse Breitenacker „vor Menschen Angst haben, die ihr eigentlich helfen sollen“, sagt Fussek und blickt zu der alten Dame. Die nickt kurz.

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Alte Erinnerungen: Die 98-Jährige hat ihre Zeugnisse aus den 1920er-Jahren sorgfältig aufbewahrt. Sie war eine gute Schülerin.

Doch viele Pfleger und Schwestern geben ihr Bestes. „Die leiden mit“, sagt Fussek. Die Gewerkschaft Verdi warnt seit Jahren, es fehle in den Altenheimen massiv an Personal. Die Pfleger seien latent überlastet.

Wohlfahrtsverbände weisen Vorwürfe zurück

Dass es in vielen Senioren-Einrichtungen Probleme gibt, ist kein Geheimnis. Fussek glaubt sogar: „In manchen Pflegeheimen geht es kriminell zu.“

Wohlfahrtsverbände sind über derlei Aussagen entsetzt. Drei von ihnen weisen den Vorwurf Fusseks, die Zustände in den meisten Pflegeheimen seien „schlicht katastrophal“ auf Anfrage der Huffington Post scharf zurück. Die Kritik sei „völlig überzogen“, sagt etwa ein Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Allerdings müsse den Pflegeheimen ein besserer Personalschlüssel von den Pflegekassen ermöglicht werden. Die Caritas fordert eine jährliche Anpassung bei der Höhe der Zahlungen für die Pflegeleistungen.

Und auch beim Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt heißt es, es gebe einiges, was getan werden könne, „um die Situation der zu Pflegenden und der Pflegenden zu verbessern“. Das jüngst beschlossene zweite Pflegestärkungsgesetz ändere „vorerst nichts an der unzureichenden Personalsituation“.

Verzweifelte Suche nach einer Schwester

Im Münchner Heim wird es Abend. Im Gang fragen mehrfach Angehörige von Bewohnern, ob man wisse, wo eine der Schwestern sei. Doch niemand lässt sich zunächst blicken. „Das ist hier und in anderen Heimen Standard“, behauptet Fussek. Laute Musik aus dem Radio schallt durch den Gang.

Inge M., die Tochter einer Heimbewohnerin, beschwert sich, dass es schon öfter geheißen habe, ihre Mutter habe die Medikamente genommen. „Doch dem war gar nicht so.“ Sie habe schließlich die ganze Zeit im Zimmer gesessen. Nachprüfen lassen sich solche Vorwürfe nicht.

Fussek ärgert, dass die Politik um die Situation in den Heimen wisse. „Aber alle schauen weg.“

Hoffnungsvoller Trend

Doch es gibt auch zahlreiche Pflegeeinrichtungen, in denen Menschen würdig altern können. „Und das ist keineswegs nur eine Frage des Geldes“, sagt Fussek. So achten manche Heime etwa darauf, dass die Bewohner möglichst weitgehend im Gemeindeleben integriert sind. Da wird dann etwa regelmäßig der Tanzkurs im Dorf-Lokal besucht.

Hoffnung macht auch ein neuer Trend: Immer öfter wird beim Bau neuer Häuser versucht, diese altengerecht auszustatten. So können Pflegefälle auch daheim betreut werden. Zudem sind Mehrgenerationen-Häuser auf dem Vormarsch.

Für Breitenacker dürfte ein solches Sterben in Würde aber wohl ein Traum bleiben.

Quelle :http://www.huffingtonpost.de/2015/12/12/pflegenotstand-altenheime_n_8788804.html?

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